Schwachhausen

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Text & Fotos: Joachim Kothe

Nah bei den Menschen …
… ist Chefreporter Jürgen Hinrichs als Aushilfe im Kiosk Scharnhorststraße

„Es ist mir bei meiner journalistischen Tätigkeit immer ein Anliegen, nah am Menschen zu sein“, sagt Jürgen Hinrichs, seines Zeichens Chefreporter der Bremer Tageszeitung Weser-Kurier, „und deshalb habe ich der Chefredaktion vorgeschlagen, einmal vier Wochen in einem Kiosk zu verbringen und dort ,dem Volk auf’s Maul zu schauen‘ - und es gab keine Einwände“.

Damit knüpft Hinrichs an seine Studentenzeit an, in der er ebenfalls in einem Kiosk gearbeitet hat und schon damals für sein Verkaufstalent viel Anerkennung vom Betreiber erntete.

Die Berufswahl hat ihn andere Wege geführt, aber hier in Schwachhausen an der Scharnhorststraße kann er dieses Talent wieder unter Beweis stellen. Oft sei sein Chef, Kioskinhaber Robert Volk, gar nicht da und er müsse ganz selbstständig die dann kommenden Kunden bedienen. „Das ist schon ein erheblicher Vertrauensbeweis“, konstatiert Hinrichs, da ja dann nicht nur die Ware, sondern auch die Kasse unter seiner Aufsicht sei.

Und dann sind da natürlich die Erlebnisse mit den Kunden, die nach 14 Tagen fast täglicher (Di-Sa.) Kolumne im Weser-Kurier zum Kiosk kommen, oft nur um die neue prominente Hilfskraft kennenzulernen. „Vor kurzem war ein Mann hier, der sich als langjähriger Abonnent des Weser-Kurier vorstellte und meinte, er sei extra gekommen, um einmal beim Chefreporter seiner Tageszeitung eine Bild-Zeitung zu kaufen.“

Andere wiederum kommen, um Kritik oder Anregungen für die Zeitung loszuwerden oder einfach über ein Erlebnis zu berichten, wie der ältere Herr, der vor kurzem Opfer eines versuchten Raubes im Viertel geworden war und Hinrichs unbedingt davon erzählen wollte.
Doch auch bremische Prominenz kommt vorbei, so erscheint zum Zeitpunkt des Interviews für diesen Artikel gerade Schauspieler und Autor Dirk Böhling, hier vor allem bekannt durch seine Tätigkeit bei Radio Bremen, um kurz mit Hinrichs zu schnacken.

Auf die Frage, warum es ausgerechnet dieser Kiosk in der Scharnhorststraße sein musste, antwortet Hinrichs, dass der über 70 Jahre alte leicht windschiefe Bau eines der wenigen noch original erhaltenen typischen Kioskgebäude in Bremen sei und außerdem habe er den Inhaber bei anderer Gelegenheit schon einmal interviewt und sei mit ihm schon damals gut klar gekommen. „Robert ist unkompliziert und die vertrauensvolle Zusammenarbeit hat auf Anhieb geklappt. Das macht es einfach für beide Seiten.“

Die Kolumne im Weser-Kurier kommt bei den Lesern offenbar gut an. Ein Bekannter habe ihm erzählt, er habe sich erst irritiert, dann fasziniert und irgendwann informiert gefühlt von solch einem Format in seiner Tageszeitung, so Hinrichs.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Reporter sich im wahrsten Sinne des Wortes auf ungewöhnliche Wege begibt. Vor Jahren hat er als „Grenzgänger“ eine Serie mit Wanderungen entlang der bremischen Außengrenzen gemacht und über seine Begegnungen berichtet. „Die Leute konnten meinen Weg auf Twitter verfolgen und standen zum Teil schon am Zaun und warteten auf mich bis ich vorbeikam“, erinnert sich Hinrichs.

Ähnlich ist es auch in der Scharnhorststraße: Schon um kurz nach 14 Uhr sei manchmal schon eine Menschentraube trotz widrigen Novemberwetters am Kiosk um den Aushilfsverkäufer und Chefreporter zu treffen und ihm ihre Anliegen vorzutragen.

„Für mich und auch für meine Familie gehören solche ,Ausflüge‘ abseits von Pressekonferenzen und Redaktionsalltag einfach dazu zu einem Reporterleben“, betont Hinrichs die Notwendigkeit solcher Formate der Berichterstattung.

So wird Hinrichs nun noch bis Ende November weiterhin nur am Vormittag in der Redaktion des Weser-Kurier zu finden sein, wo er seine Erfahrungen und Eindrücke vom Vortag auswertet und seine Kolumne schreibt. Am Nachmittag ab ca. 14:30 Uhr steht er dann wieder am Kiosk - ganz nah bei den Menschen.

Die Schokoküsse aus dem Kiosk sind sehr beliebt …

 

Links:

>> Jürgen Hinrichs über die Geschichte des Kiosk

>> Bericht aus 2016 über die Gute Seele von Schwachhausen (S. 8/9)

 

Der Volks-Kiosk als malerisches PS „Kunstwerk“ (© Joachim Kothe 2021):

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